Gestern in der Waschstraße. 13 Euro für eine normale Wäsche. Ich fahre raus, steige aus und mache den kurzen Kontrollblick ums Auto.
Schweller noch grau. Felgen halb sauber. Hinten ein Schlierenbogen, als hätte die Maschine irgendwann beschlossen: passt schon.
Und jetzt kommt der eigentlich spannende Teil.
Ich habe mich nicht beschwert. Ich habe kurz geschaut, bin eingestiegen und weggefahren. Wie wahrscheinlich viele von uns.
Und genau dieser Moment beschäftigt mich. Wann haben wir eigentlich angefangen, Dinge zu akzeptieren, die wir früher nicht akzeptiert hätten?
Es passiert ja selten mit einem großen Knall.
Die Software, die erst beim Kunden fertig wird. Der Support, bei dem man mehr mit Bots spricht als mit Menschen. Der Service, der technisch funktioniert, aber niemanden mehr wirklich interessiert.
Jedes einzelne Mal nur ein kleines Achselzucken.
Zusammen wird daraus Kultur.
„Passt schon.“
Dabei rede ich selbst oft über den Mut zum Unperfekten. Und vielleicht ist genau deshalb die Unterscheidung so wichtig.
Unperfekt ist wunderbar.
Unperfekt ist der Kuchen von Oma, der etwas schief geworden ist, aber mit Liebe gemacht wurde. Unperfekt ist der Unternehmer, der auf die Bühne geht, obwohl die Präsentation noch nicht perfekt ist. Unperfekt ist menschlich.
Halbgar ist etwas anderes.
Halbgar bedeutet: Jemand weiß, dass etwas nicht stimmt, und hofft, dass niemand etwas sagt.
Und das Spannende daran: Oft funktioniert es. Weil derjenige, der die Entscheidung trifft, die Reaktion gar nicht mehr spürt.
Früher stand der Wirt noch im Gastraum, kannte der Ladenbesitzer seine Kunden, war der Unternehmer sichtbar. Heute liegt zwischen Kunde und Entscheidung oft ein Ticketsystem, ein Chatbot und drei Prozessebenen.
Die Zahlen kommen oben an. Die Emotion nicht.
Es ist eines der größten Missverständnisse unserer Zeit: Wir glauben, wir verlieren Menschlichkeit durch Technologie. Vielleicht verlieren wir sie aber, weil Menschen mit Verantwortung unsichtbar werden.
Denn am Ende entsteht Vertrauen selten über perfekte Prozesse. Es entsteht, wenn jemand da ist. Wenn jemand zuhört. Wenn jemand seinen Namen für etwas hergibt.
Gutes Networking beginnt genau dort: Nicht bei der Frage: „Wen kann ich erreichen?“, sondern: „Bin ich selbst noch erreichbar?“
Euer Werner
Diese Frage hat mich nicht losgelassen. Hier im Denkraum für Subscriber+ habe ich sie zu Ende gedacht. Warum uns Nähe diszipliniert und warum die Besten sich gerade wieder sichtbar machen, obwohl sie sich verstecken könnten. → https://denkraum.theiner.de/post/wer-sichtbar-ist-kann-sich-nicht-mehr-verstecken