Heute Morgen, erster Kaffee, Nachrichten aus Peking.
World Humanoid Robot Games. 2.056 Roboter, 666 Teams aus 16 Ländern, 51 Wettbewerbe. Sie laufen, spielen Fußball, tanzen und erledigen Aufgaben aus Fabriken und Restaurants. Deutschland ist übrigens auch dabei.
Einer dieser Roboter lief die 100 Meter in 9,39 Sekunden. Auf der Uhr schneller als Usain Bolt. Vergleichbar ist das natürlich nur bedingt. Nach dem Zieleinlauf krachte er ziemlich unelegant in eine Matte. Schneller als Bolt. Bremsen üben wir noch. Ich mag das.
Nicht, weil ich einen Roboter brauche, der für mich zum Bäcker sprintet, weil China verstanden hat, wie man Zukunft sichtbar macht. Man hätte diese Maschinen auch in einer Messehalle zwischen zwei Roll-ups präsentieren können. Mit PowerPoint, Staatssekretär und Schnittchen danach. Stattdessen veranstalten sie Olympische Spiele für Roboter. Die Maschinen laufen, fallen hin, stehen wieder auf und am nächsten Morgen spricht die Welt darüber.
Gleichzeitig sehen wir eine Schlagzeile nach der anderen über den Kampf um künstliche Intelligenz.
USA gegen China.
Chips, Modelle, Rechenzentren, Milliarden.
Und Europa?
Europa kommt meistens im Nebensatz vor. Als Markt. Als Regelwerk. Oder als Region, die aufpassen muss, nicht den Anschluss zu verlieren. Das tut mir weh. Nicht, weil Europa nichts kann. Ganz im Gegenteil.
Die EU liegt bei der Roboterdichte in der Industrie über dem weltweiten Durchschnitt. Deutschland gehört zu den am stärksten automatisierten Industrieländern. In Metzingen baut NEURA Robotics humanoide Roboter. Unsere Maschinenbauer und Mittelständler liefern Teile, ohne die manche große Maschine in China oder den USA keinen Mucks machen würde.
Europa war in Peking also durchaus in der Halle. Nur in Erinnerung bleibt China.
Vielleicht fällt mir das besonders auf, weil Sichtbarkeit mein Geschäft ist. Ich höre in Gesprächen mit Mandanten, Unternehmern und Freunden aus Asien, USA oder Arabien immer öfter Sätze wie:
„Europa? Schön. Mallorca im Oktober. Zypern auch.“
Und geschäftlich? Kurze Pause.
„USA. Dubai. Singapur. China vielleicht.“
Das ist keine Studie. Das ist meine persönliche Kaffeehaus-Statistik. Aber sie beschäftigt mich.
Europa verschwindet langsam aus den Köpfen. Nicht als Urlaubsziel. Da sind wir weiterhin Weltklasse. Alte Städte, gutes Essen, schöne Küsten. Nur bei der Frage, wo das nächste große Geschäft entsteht, dreht sich der Kopf immer öfter in eine andere Richtung.
Ob dieses Bild gerecht ist, ist irgendwann egal. Wenn es einmal im Kopf ist, geht auch das Geld woanders hin. Dann lese ich vom Jeddah Tower in Saudi-Arabien. Rund 430 Meter sind bereits gebaut, mehr als ein Kilometer soll es werden. Wenn alles nach Plan läuft, wird er der höchste Turm der Welt.
Und wir? Wir haben Stuttgart 21.
Der neue Stuttgarter Hauptbahnhof soll nach dem aktuellen Plan der Deutschen Bahn im Dezember 2031 in Betrieb gehen. Die Kostenprognose liegt inzwischen bei 14,5 Milliarden Euro.
Ja, ich weiß: Der Vergleich ist unfair.
Ein Bahnhof ist wichtiger als ein Wolkenkratzer. Ein kilometerhoher Turm kann auch einfach ein sehr teures Ego mit Aufzügen sein. Eine moderne Skyline ist noch keine moderne Volkswirtschaft. Aber Bilder wirken.
Der eine baut einen Kilometer in den Himmel. Der andere erklärt, warum sein Bahnhof fünf Jahre später kommt und noch einmal drei Milliarden Euro mehr kostet. Was davon bleibt wohl eher im Kopf?
Können wir es nicht?
Doch. Das ist ja das Verrückte.
Europa hat Unternehmen, die Weltspitze sind. Wir nennen sie Hidden Champions. Und nehmen das mit dem Verstecken inzwischen verdammt ernst. Unsere Mittelständler tüfteln, bauen und liefern. Sie stehen nur selten auf einer Bühne und sagen: Schaut her. Das kommt von uns.
Bescheidenheit ist sympathisch. Unsichtbarkeit ist kein Geschäftsmodell.
Ich erlebe das gerade selbst.
Für unseren Summit haben wir eine Bühne gebaut: „Was Wirtschaft kann.“
Rund 100 Entscheider werden hinschauen. Die Presse ist da und wartet auf gute Geschichten. Nicht auf die nächste Hochglanzbroschüre. Auf Unternehmen, die zeigen, was sie wirklich können.
Und was mache ich?
Ich laufe den Unternehmen hinterher. „Zeigt euch. Erzählt, was ihr entwickelt habt. Stellt jemanden auf die Bühne.“
Dann höre ich: „Da müssen wir erst einmal nachdenken.“ „Wir haben niemanden, der sich hinstellt.“ „So kurzfristig schaffen wir das nicht.“
China lässt 2.000 Roboter gegeneinander antreten.
Bei uns braucht ein Unternehmen manchmal drei interne Abstimmungen, um öffentlich erzählen zu dürfen, dass es etwas Weltklasse gebaut hat. Vielleicht liegt genau da ein Teil unseres Problems. Wir können es, aber wir haben uns angewöhnt, darüber zu schweigen. Wir wollen Zukunft. Aber bitte leise, ohne Risiko und nach Freigabe durch alle Abteilungen.
Andere bauen daraus eine Bühne.
Wir bauen einen Abstimmungsprozess.
Ich sage Unternehmen seit Jahren: Gute Arbeit allein reicht nicht. Wenn niemand davon erfährt, gewinnt am Ende nicht zwingend der Bessere. Es gewinnt der, den man kennt. Für einen Kontinent gilt offenbar dasselbe.
Europa muss nicht China kopieren. Wir brauchen auch nicht in jeder Hauptstadt einen Kilometer-Turm. Aber ich möchte wieder hören: „Europa? Da sitzt einer, den musst du kennenlernen.“ „Da wird etwas gebaut, das musst du sehen.“ „Da passiert gerade etwas.“
Europa darf gern der Ort bleiben, an dem man Urlaub macht. Ich mache hier schließlich selbst gern Urlaub. Aber es darf nicht der einzige Grund sein, warum man kommt.
Der Roboter in Peking ist nach 100 Metern in die Matte gekracht.
Elegant war das nicht.Aber er war unterwegs.
Europa steht ziemlich sicher. Nur leider gerade nicht im Bild.
Was Wirtschaft kann. 21.09. München https://summit.digiWiesn.bayern